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„Das werden wir nicht vergessen“

Die DRB-Bundesligasaison ging am vergangenen Samstag zu Ende. Der SV Wacker Burghausen wurde erneut Deutscher Mannschaftsmeister und setzte sich im Finale gegen den KSV Köllerbach durch. Für den ASV Mainz 88 war es erneut eine sehr erfolgreiche Saison. Zum 8. Mal in 9 Jahren erreichten die Rheinhessen das Halbfinale und bewiesen damit eine unglaubliche Konstanz, an die kein anderer Bundesligist heranreicht. Im Abschlussinterview ziehen die Macher des ASV Mainz 88 noch einmal das Saison-Resumee und geben einen Ausblick auf die kommende Saison.

„Das werden wir nicht vergessen“


Burghausen verteidigte am Wochenende erneut Ihren Titel als Deutscher Mannschaftsmeister. Dabei bezwangen sie den KSV Köllerbach deutlich mit 19:10. Wie ist diese Übermacht der Bayern erklärbar?
Baris:
Zunächst einmal gratulieren wir dem SV Wacker Burghausen zur erneuten Meisterschaft. Sie haben ohne Zweifel ein sehr starkes Team und ihren Titel souverän verteidigt.

Wackerkapitän Matthias Maasch beendete seine Karriere und gab an, als neuer Trainer die Meistermannschaft zu verjüngen und nicht mehr die Meisterschaft als Ziel anzugehen. Ein Hoffnungsschimmer für die Bundesliga?
Tolga: Nein, wir ringen in einem kompetitiven Umfeld, in dem auch andere Vereine um den Titel kämpfen. Deswegen gehen wir davon aus, dass es eher schwieriger als leichter wird.

Für den ASV Mainz 88 war es ebenfalls eine sehr erfolgreiche Saison. Sie erreichten erneut das Halbfinale. Wie fällt Ihr Saisonfazit aus?
David:
Wir sind äußerst zufrieden mit der abgelaufenen Saison. Wir haben in der regulären Saison völlig überzeugt und sind souverän als Tabellenführer in die Playoffs eingezogen. Schön war es zu sehen, dass wir die Konstanz der letzten Jahre erneut bestätigen konnten.
Tolga: Tabellenerster in der regulären Saison, beide Derbys gegen Nackenheim gewonnen, Vizemeister Heilbronn im Viertelfinale besiegt, mit einer jungen Mannschaft eine gute Leistung gegen den alten und neuen Mannschaftsmeister SV Wacker Burghausen geboten – ja, die Saison kann man ganz sicher unter Erfolg verbuchen.

Wie eben genannt, wurden Sie überzeugend Tabellenerster in der Nordwestgruppe vor Nackenheim. In der Auslosung für die Playoffs bekamen Sie im Viertelfinale den Vizemeister Red Devils aus Heilbronn und im Halbfinale den SV Wacker Burghausen zugelost. Hatten Sie irgendwie die Losfee verärgert?
Tolga:
Scheint so
Baris: Phillip Lahm als Losfee wäre wohl die bessere Wahl gewesen

Den Hinkampf in Heilbronn verloren Sie zunächst deutlich mit 8:22, doch dann änderte der DRB das Ergebnis in ein 18:12 um. Was war passiert?
Tolga:
Im Viertelfinalhinkampf erkannten die Kampfrichter bei dem Heilbronner Ringer Hammet Rüstem eine Hautveränderung an der Waage und fragten nach einem schriftlichen Attest, welches eine ansteckende Hauterkrankung ausschließt (z.B. eine Pilzerkrankung - Ringer dürfen in solch einem Fall aufgrund der Ansteckungsgefahr nicht ringen). Ein Attest lag jedoch nicht vor und somit hätte der Ringer an der Waage, welches im Paragraph 18 der Bundesligarichtlinien klar definiert ist, abgewiesen werden müssen. Nach einer Diskussion mit dem Vereinsarzt der Red Devils, ließ das Kampfgericht den Athleten trotz dieser unmissverständlichen Vorgabe in den Statuten ringen. Das unabhängige Sportgericht kassierte jedoch im Nachgang diese Fehlentscheidung und das Kampfergebnis wurde korrigiert.

Im Rückkampf mussten sie dennoch einem 6 Punkte Rückstand gegen den mit Welt- und Europameistern gespickten Kader, der Red Devils hinterherlaufen. Hand aufs Herz, hatten Sie nach der hohen Niederlage in Heilbronn an ein Wunder geglaubt?
Baris:
Wer Mainz kennt, weiß, das Aufgeben keine Option ist. Die Mannschaft, angeführt durch die Trainer hat diese Einstellung mit jeder Faser gelebt. Phänomenal und Mainzigartig war das Zusammenspiel der Ringer auf der Matte und der Support der Fans von der Tribüne.

Am Ende des Kampfes hatten Sie den Rückstand aufgeholt aber da Punktgleichheit bestand, wusste keiner wer ins Halbfinale eingezogen war. Was empfanden Sie in den folgenden 15 Minuten als der Verband telefonisch klären musste wer der Sieger war?
David:
Natürlich fingen wir sofort an zu rechnen und waren uns eigentlich sicher, dass wir aufgrund der größeren Anzahl der hohen Siege (5:4) weiter sein mussten. Doch die Entscheidungsfindung dauerte eine Ewigkeit, was an allen Nerven zerrte. Zudem jubelten ständig abwechselnd Mainzer und Heilbronner Verantwortliche, weil sie dachten, sie seien weiter. Das sorgte für zusätzliche Irritationen. Es war unglaublich die Spannung der Fans zu spüren, niemand verließ die Halle, alle waren gebannt, wer der Sieger war und schließlich kam die Erlösung: Wir hatten es geschafft. Unbeschreiblich.
Baris: Aufgrund der Dramaturgie war es schwierig in der Phase einen ruhigen Gedanken zu fassen. Beide Teams hätten das Weiterkommen verdient. In das Gedächtnis eingebrannt haben sich die erwartungsvollen Blicke unserer Fans in den langen Minuten. Diese außerordentliche Situation sucht in der Ringerhistorie seines Gleichen und wird uns lange in positiver Erinnerung bleiben.

Haben Sie schon mal so eine emotionale Situation erlebt?
David:
Nein, nicht mal annähernd. Diese Ohnmacht, während der Entscheidungsfindung ist lähmend. Wir konnten nur abwarten

Im Halbfinale trafen Sie auf Wacker Burghausen, aber dem Deutschen Mannschaftsmeister stellte sich eine sehr ersatzgeschwächte Mainzer Mannschaft entgegen. Sie nutzten nur 13 von möglichen 28 Punkten. Was war passiert?
Tolga:
Unsere bisher international wenig beachteten Ringer, haben sich durch ihre konstant guten Leistungen bei uns in Mainz, in den Fokus ihrer Nationalmannschaften gerungen.
David: Das freut uns natürlich für unsere Sportler, jedoch brachte es im Olympiajahr mit sich, dass sie für Lehrgänge und Vorbereitungsturniere berufen wurden und leider im Halbfinale für die Bundesliga keine Freigabe erhielten. Das war aber nicht nur ein Mainzer Problem, auch andere Halbfinalisten mussten mit der Situation leben.

Hätten Sie sich mit voller Kapelle eine Chance gegen die Bayern ausgerechnet?
Baris:
Es ist müßig darüber zu spekulieren. Wie bereits direkt nach dem Kampf unterstrichen, gebührt dem SV Wacker Burghausen unser Respekt, der mit seinem 35 Mann starken Kader eine außerordentliche Qualität besitzt. Die größte Anerkennung verdienen unsere Fans, die auch in dieser schwierigen Phase unser Team unermüdlich unterstützt haben. Das werden wir nicht vergessen. Deshalb war es uns ein Bedürfnis, noch am Kampfabend in den Austausch mit unseren Fans zu treten, ihnen die Situation zu erklären und uns für ihr Verständnis und den bedingungslosen Support zu bedanken.

Waren Sie froh erneut ins Halbfinale eingezogen zu sein oder trauern sie eher dem Verpassen des Finales hinterher?
Tolga:
Das ist hypothetisch. Am Ende liegt die Wahrheit auf der Matte. Wie auch in den Jahren zuvor lamentieren wir nicht und blicken lieber nach vorne.
Baris: Das Glas ist immer halbvoll. Wie schwierig es ist, unter die Top 4 in Deutschland zu kommen, erfahren wir jedes Jahr aufs Neue.
David: Mit dem Einzug ins Halbfinale sind wir sehr zufrieden, besonders nach dem großen Fight gegen den Vizemeister Red Devils.

Was war in Ihren Augen besonders positiv? Wann hat Sie ihre Mannschaft am meisten beeindruckt?
David:
Der große Zusammenhalt der Mannschaft, die Bereitschaft für den anderen da zu sein und niemals aufzugeben war sehr beeindruckend.
Baris: Das kann ich nur bestätigen. Der grundsätzliche Auftritt unserer Jungs war bemerkenswert. Abgekoppelt davon wer für den ASV auf die Matte ging, wurden die Maxime unsere Teams, niemals aufzugeben, immer deutlich transportiert!
Tolga: Die Derbysiege gegen Nackenheim und der Einzug ins Halbfinale waren für mich die Saisonhighlights.

Gegen die Nackenheimer gewannen sie auch das 6. Derby in Folge. Wie wichtig ist es für die Mainzer vor dem regionalen Konkurrenten zu stehen?
Tolga:
Wie in den letzten Jahren zuvor auch, ist es unser Anspruch, die Nummer 1 in Rheinland--Pfalz und Rheinhessen zu bleiben. Wenn wir in dieser Konstellation, die anderen Vereine hinter uns lassen, haben wir einen guten Job gemacht. Umso spannender wird die nächste Saison.

In der regulären Saison setzten Sie in Mainz durchschnittlich 7 deutsche Ringer und dabei fast immer mindestens 2 Eigengewächse (-2 Ringer aus der eigenen Jugend, die mindestens 3 Jahre vor ihrem 18 Lebensjahr in Mainz ausgebildet wurden) pro Begegnung ein. Besonders Ashot Shabazyan zeigte eine überragende erste Saison, die gekrönt war mit 6 Siegen und 15 Punkten. Was löste sein Erfolg in der eigenen Jugend aus?
David:
Das Heranführen der eigenen Jugendlichen an das erforderliche Leistungsniveau in der Bundesliga, geht leider mit vielen Niederlagen einher. Wenn das, wie im Fall von Ashot ausbleibt, so ist das sehr erfreulich. Trotzdem können wir als Verein die Leistung des jungen Sportlers einordnen und erwarten keine Wunder von ihm. Er soll sich in Ruhe weiter entwickeln. Wir sind da guter Dinge.
Baris: Aufgrund der guten Trainingsarbeit, Talent, Widerstandsfähigkeit, Resilienz und absoluten Willen ist es zu verdanken, dass so eine Konstellation zustande kommt. Zudem steht Ashot für weitere Werte, die für uns als Verein wichtig sind. In kurzer Zeit ist es ihm gelungen sich nicht nur auf sportlicher Ebene merklich positiv zu entwickeln, sondern auch schulisch und gesellschaftlich. Sein Erfolg hat natürlich eine Initialzündung in unserer bereits motivierten Jugendabteilung ausgelöst.

Gibt es weitere Ashot‘s auf die sich die Fans freuen können?
David:
In den nächsten Jahren werden wir noch einige unserer Talente an die Bundesliga heranführen. Das ist unser Ziel, dafür arbeiten wir. Wir werden jetzt aber keine einzelnen Namen nennen, da wir den Jungs keinen zusätzlichen Druck aufbauen wollen. Sie sollen sich in aller Ruhe entwickeln.

Können Sie uns etwas über die Kaderplanung erzählen? Wird es wie in Wacker einen Umbruch geben oder werden Sie den Stamm ihres Kaders halten können?
Tolga:
Hier verweisen wir traditionell auf unseren Tag der offenen Tür im Mai. Alle Ringerfans sind herzlich eingeladen.
Baris: Deshalb bitten wir bis dahin um etwas Geduld. Unsere Fans können wir aber vorab beruhigen. Wir sind guter Dinge, auch in der kommenden Runde eine wettbewerbsfähige Mannschaft auf die Matte schicken zu können.

Jetzt wo Wacker nicht mehr Meister werden will, könnte doch Mainz einspringen?
Tolga:
Ich glaube, es gibt kaum einen Verein, der nicht Deutscher Mannschaftsmeister werden will.

Wie zufrieden waren Sie mit dem Umfeld und mit der Zuschauerresonanz?
Baris:
Wenn man die ganze Saison betrachtet, haben wir viele Highlights mit einer hohen Zuschauerbeteiligung erleben dürfen. In den Derbys, gegen Kleinostheim oder Witten und natürlich in den Playoffs. Die positive Rückenstärkung setzte weitere Kräfte frei!

In der kommenden Saison wird die Bundesliga aufgestockt. Die Nordwestgruppe wird auf 9 Vereine erweitert. Es stoßen mit Wrestling Tigers Rhein/Nahe, KSK Neuss und der KSC Hösbach neue Vereine hinzu zu. Was erwartet die Mainzer?
Tolga:
Unsere Fans können sich auf 2 weitere Heimkämpfe freuen und zwei weitere Derbys.
Baris: Da kommen neue Vereine aus der räumlichen Nähe hinzu, die viele Emotionen versprechen.

Hätten Sie sich gewünscht, dass Vereine aus der abtrünnigen Liga wie der SVG Weingarten oder der VfK Schifferstadt zurück in die DRB – Liga zurückkehren?
Baris:
Schon immer war und ist es unser Wunsch, sich mit den Besten zu messen. Deshalb stehen wir einer Rückkehr dieser Vereine weiter offen gegenüber.

Das war die 2. Saison mit der Punkteregelung. Hat sie sich bewährt?
Tolga:
Unserer Meinung nach - ein klares Ja. Wir sehen nun vermehrt Deutsch-Deutsche Duelle und Bundesweit wird der Nachwuchs mehr gefördert.
Baris: Absolut, erfolgreiche Nachwuchsarbeit bedeutet innerhalb des Punktesystems einen Wettbewerbsvorteil. Und das ist gut so. Ein weiterer Indikator ist die Tatsache, dass sich vermehrt Mannschaften trauen in die 1. Liga aufzusteigen. So gewinnt unsere 1. Bundesliga an Attraktivität.

Aktuell kann man einen neuen Trend erkennen, dass sich viele Vereine eines schneidigeren Zusatznamens bedienen, wie z.B Devils, Tigers, Cat‘s oder ähnliches. Ist das auch für den ASV Mainz 88 vorstellbar?
Baris: Diesen Trend, der seinen Ursprung in den nordamerikanischen Profiligen hat, nehmen wir seit einigen Jahren auch in der Ringerlandschaft wahr. Aus beispielsweise Marketinggründen ist er auch nachvollziehbar. Allerdings gibt es unseren Klub schon seit über 130 Jahren und der Vereinsname ASV Mainz 88 ist ziemlich prägnant. Unsere Fans und wir identifizieren uns damit und erachten eine Erweiterung der Marke als für uns unnötig. Zum Abschluss: Was war für Sie persönlich das Highlight der Saison?

Tolga: Die gesamte Saison war ein Highlight. Mit den souveränen Derbysiegen, dem Erreichen des Halbfinales und der Entwicklung unserer jungen Sportler.
David: Da schließe ich mich an.
Baris: Auch ich möchte mich dem schönen Résumé unseres Vorsitzenden anschließen. Ein weiterer Höhepunkt auf der emotionalen Ebene war es die vorbehaltlose Unterstützung und das Vertrauen unserer Fans gerade während der diffizilen Phase der Playoffs zu fühlen.

Das Interview führte Karani Kutlu

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